Ginnheimer Kantorei auf Tournee mit Haydns „Die Schöpfung“

Konzertankündigung

Prolog:

Kantor Bernd Lechla hatte wieder einmal Großes mit der Ginnheimer Kantorei vor, was nicht verwundert, denn im Jahr 2007 leitet er schon 10 Jahre lang die Kantorei und das 100. Konzert seit Bestehen der Konzertreihe „Ginnheimer Kirchenkonzerte Orgel- und Chormusik“ stand auch bevor. Sie wurde von ihm ins Leben gerufen und wird auch noch von ihm organisiert. So hatte Bernd Lechla ein Schmankerl parat und wir studierten fleißig „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn ein. Nach hervorragender, aber auch anstrengender Probenarbeit, rückte der Tag der Premiere immer näher. Am 24. Juni 2007 führten wir zum ersten Mal in der gut besuchten Kirche Sankta Familia/Ffm.-Ginnheim Haydns „Schöpfung“ auf. Gemeinsam mit dem Chor der Dresdner Bank, dem Symphonischen Orchester Ginnheim und den brillanten Solisten Margaretha Bessel (Sopran), Ralf Petrausch (Tenor) und Burkhard Zass (Bass), die auch bei fast allen Konzerten in vergangener Zeit mitwirkten und daher vielen der Zuhörer im Frankfurter Bereich bereits bekannt sind, begeisterten wir das Publikum und brachten ihnen in aller Virtuosität das Werk näher. Nur kurz war der Moment der Stille bis tosender Applaus als Dank ertönte.

Nach einer „Schöpfungs-Pause“, den Sommerferien, begab sich das gesamte Ensemble Mitte August mit „Pauken und Trompeten“ und einigen Mitgliedern der „Fangemeinde“ der Kantorei, auf eine 5-tägige Konzertreise in das Nachbarland Polen. Auch unser Haus- und Hoffotograf Hubert Gloss war an Bord und schoss wieder super Erinnerungsfotos von der Reise. Einer Einladung folgend eröffneten wir in Krakau das Internationale Musikfestival „Muzyka w starym Krakowie“ (Musik im alten Krakau). Krakau, als Partnerstadt von Frankfurt am Main, feierte zudem im Jahr 2007 ihr 750-jähriges Bestehen und wurde bereits im Jahr 2000 zur Kulturhauptstadt Europas ernannt.

Dank gebührt an dieser Stelle unseren Organisatoren Bernd Lechla und Christoph Wend.

Doch gibt es natürlich noch viel mehr über die Konzertreise und die Aufführungen zu berichten:

Nach erfolgreicher Premiere in Frankfurt am Main, hieß es dann am 12. August 2007 für alle Teilnehmer der Konzertreise „raus aus den Federn und ab in Richtung Hessischer Rundfunk/Frankfurt, denn frühmorgens um 6.00 Uhr sollten ab der Bertramswiese die Busse gen Polen starten. Da dort viele Parkplätze zur Verfügung stehen, war die Anreise in den frühen Morgenstunden, und zudem noch an einem Sonntag, angenehmer zu bewältigen. Und schon gab es die erste Verspätung, denn es hatten zwei Teilnehmer ihre S-Bahn versäumt und kamen daher nicht pünktlich an. Die vier Busbegleiter hüteten derweil sorgfältig ihre „Schäfchen“ und behielten sie ständig im Auge, nicht dass der eine oder andere dann plötzlich auch wieder verschwunden ist. Mit nur 15-minütiger Verspätung ging die Reise endlich los und wir starteten. Viele der Mitreisenden schauten noch ziemlich müde drein und schliefen erst noch eine Runde bevor ein guter Kaffee sie wieder fit machte. Unser Bus hatte eine Bord-Hostess namens Anne, die sich bestens um die Heiß-Getränke kümmerte. Busfahrer Peter Eiermann (Bus 3) erklärte die jeweilige Gegend ausführlich, gab tolle Infos über Land und Leute und hatte auch öfter mal einen lustigen Spruch auf den Lippen. So verging die Fahrzeit doch recht schnell und wir erreichten bald Eisenach. Im dortigen Rasthof legten wir erst einmal eine Frühstückspause ein. Weiter fuhren wir über Dresden, wo wir unser Mittagessen einnahmen, hin zum polnischen Grenzübergang. Bis alle vier Busse gecheckt waren, verging doch eine gute Dreiviertelstunde. Gut gelaunt ging die Reise weiter, denn wir alle hatten ja auch Urlaub und ließen uns bestens und vor allen Dingen sicher von den Busfahrern kutschieren. Interessant war, dass unzählige Störche und auch Rehe die Straßen bzw. die Autobahn säumten. So viele hatte noch keiner der Reisenden auf einmal gesehen. Auf unserer Fahrt, kurz vor der ersten Station Breslau, konnten wir die Schneekoppe mit ihren 1.660 Metern Höhe erahnen. Leider zeigte sie sich nur in Dunst gehüllt.

Puh, endlich am Hotel in Breslau angekommen. Schnell die Zimmerschlüssel holen, hinauf und die Koffer auspacken und dann in den großen Speisesaal zum Abendessen. Die Planung für knapp 200 hungrige Gäste war in diesem Hotel hervorragend, denn wir mussten nicht lange warten. Ungewöhnlich war, dass man sozusagen einen „Rundlauf“ um das Buffet machen musste, was eigentlich klasse war, da jeder von jeder Seite Essen fassen konnte und es daher auch keine langen Schlangen gab. Natürlich musste zum Auftakt der Reise auch der polnische Wodka probiert werden. Da wir viele Stunden sitzend im Bus verbrachten, nutzten die meisten der Reisenden den Abend, um auf erste Erkundungstour zu gehen und Breslau bei Nacht zu erleben.

Der Breslauer Dom

Am nächsten Morgen erwarteten uns Stadtführerinnen, die jeweils einen Bus begleiteten, und uns Breslau teils per Bus, teils zu Fuß, in all seiner Schönheit zeigten. Unsere Stadtführerin (Bus 3) hatte eine sehr drollige Aussprache. So kamen recht heitere Aussprüche von ihr zustande wie “machen wir hier Haltestelle“, das hieß, dass sie uns wieder an einem Punkt versammelte und einiges erklärte. Wo z. B. früher die Fleischbank war, stehen heute zum Andenken daran verschiedene Haustiere in Bronze gegossen. Das brachte sie dazu, uns auf etwas aufmerksam zu machen „no, Ziege hat gemacht Auspuff!“ Sie als Leser wissen sicher, was sie damit meinte. Wenn man bedenkt, dass die Mieten dort bei ca. 300 ZL liegen, so viel wie eine Flasche Champagner in unserem Hotel kostete, da wird man schon nachdenklich. Breslau ist mit seinen 24 Parkanlagen eine recht grüne Stadt, hat 120 Kirchen, davon immerhin zwei evangelische, ebenso viele Brücken, unzählige Studenten und besitzt den größten Zoo Polens. Leider sind im Jahr 1997 durch das Oder-Hochwasser sehr viele Tiere ertrunken. Gebaut wurde in Breslau auch ein Olympiastadion, das zu diesem Zweck allerdings nie genutzt wurde, da keine Olympiade in Polen stattfand. Wie auch in Frankfurt/Höchst gibt es in Breslau eine Jahrhunderthalle, die im Jahr 1913 für 10.000 Personen erbaut und im Krieg nicht zerstört wurde. Auch ist eine 118 m lange Hängebrücke zu bestaunen, die Kaiserbrücke. Auf der Dominsel stehen sieben Kirchen, und die so genannte Dombrücke führt zu der Kirche Maria auf dem Sande.

Dombrücke in Breslau

Dort ist eine Krippe für Kinder zu betrachten, die von einem Pastor (für Blinde und Taube) selbst gestaltet wurde. Alles ist beweglich und von ihm selbst gebastelt. Manch einer wird gedacht haben „was ist das für ein Kitsch“, aber die liebevolle Arbeit zugunsten der Kranken lässt einen gerne darüber hinweg sehen. Was man sich während der Überquerung der Brücke wünscht, soll übrigens in Erfüllung gehen. Jedenfalls vergingen die vier Stunden Stadtbesichtigung wie im Fluge.

Der Rynec in Breslau

Nach dem ausgiebigen (besser gesagt eher dürftigen) Mittagessen brachen wir zu unserem eigentlichen Reiseziel Krakau auf. – Falls jemand nicht mehr weiß, was es zu Speisen gab: Schweinebraten, Rotkraut und Klöße von der Größe eines Tischtennisballs. Doch viele warteten noch vergeblich auf einen Nachtisch.

Über die Ankunft im Hotel in Krakau und die jeweilige Abendgestaltung lesen Sie hierzu bitte die Ausführungen von Breslau.

Wir erkundeten Krakau, auch das Florenz des Ostens genannt, vier Stunden lang unter fachlicher Anleitung und das auch noch per Pedes. Gelohnt hat es sich allemal, denn es gibt sehr viel Schönes zu sehen. Krakau liegt an der Weichsel, wurde im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört, und besitzt daher eine der vollständigsten Bausubstanzen von der Romantik bis zum Jugendstil Europas mit besonders vielen Baudenkmälern aus der Gotik und der Renaissance. Die Stadt hat über 2 Millionen Kunstwerke, über 100 historische Kirchen und Klöster, 50 Museen und mehr als 200 Kellerkneipen. Sie wird auch als Intelligenzstadt bezeichnet, da sehr viele Künstler und Berühmtheiten dort lebten und leben. Nikolaus Kopernikus studierte u. a. an der ältesten Universität Polens, die sich in Krakau befindet.

Der Musiksaal der Universität Breslau

Beachtlich ist das Wawel-Schloss, in dessen Kathedrale über Jahrhunderte hinweg polnische Könige gekrönt und auch begraben wurden. Die Sarkophage sind heute noch in der Krypta zu besichtigen, ebenso die Drachenhöhle unterhalb des Wawelhügels, wobei der Drache heute noch Feuer speit!

Der Wawel in Krakau

Auch am Haus, in dem Papst Johannes Paul II (Karol Wojtyla) wohnte, gingen wir während unserer Erkundungstour vorbei. Erwähnenswert ist auch die gotische Marienkirche am Marktplatz, die zwei unterschiedliche Türme besitzt . Einer Sage nach sollen die Türme von zwei Brüdern in Konkurrenz erbaut worden sein. Während der ältere Bruder seinen Turm bereits fertiggestellt hatte, war der jüngere noch mit dem Bau beschäftigt. Aus Angst, sein Bruder könne einen höheren Turm bauen, erstach er ihn. Das Messer ist bis heute an der Tuchhalle zu sehen. Eine weitere Besonderheit der Türme ist, dass seit dem 14. Jahrhundert ein Feuerwehrmann zu jeder vollen Stunde die Stundenglocke von Hand läutet und das Krakauer Trompetensignal „Hejnał“ in alle vier Himmelsrichtungen spielt. Es bricht mitten im Spiel ab und soll damit an den Tartarensturm erinnern, als der damalige Trompeter beim Spielen des Alarmsignals von einem Tartarenpfeil getötet wurde.

Die Marienkirche in Krakau Die Tuchhallen in Krakau

Krakau ist eine Reise wert und hat ein besonderes Flair. Viele der Teilnehmer fühlten sich auf dem größten Marktplatz des Mittelalters mit seinen Tuchhallen wie auf einer Piazza im sonnigen Italien. Chorleiter Bernd Lechla genoss den Abend gemeinsam mit seiner Gattin Ruth und bestieg eine der wunderschönen Kutschen, um die Stadt im Glanze der vielen Lichter zu bestaunen.

Der „Dyrygent”

Endlich rückte der Tag des musikalischen Höhepunkts näher und das Lampenfieber stieg allmählich an.

Am Nachmittag des 15. August erklommen wir unsere Busse und fuhren zur Kirche St. Katharina, um uns durch die Generalprobe an die dortige Akustik zu gewöhnen und den letzten Feinschliff zu erlangen. Was war das denn? Ein fürchterlicher Lärm störte die Probenarbeit, denn in der Kirche wurden Restaurierungsarbeiten vorgenommen. Kurze Gespräche durch Verantwortliche klärten das Problem, die Arbeiter bzw. Künstler bekamen Freizeit, der Krach hörte auf und Bernd Lechla konnte endlich in aller Ruhe die Probe fortsetzen.

Altar St. Katharinenkirche in Krakau

Immer und immer wieder mussten wir Passagen proben, Bernd Lechla war recht streng mit dem Orchester und den Chorsängern, wollte er doch den besten Eindruck hinterlassen und den Chor durch höchste Leistung glänzen lassen. Zufrieden beendeten wir die Probe und die Busse brachten uns wieder zu unserem Hotel. Ein wenig Zeit blieb uns noch, um uns für das musikalische Highlight am Abend vorzubereiten. Noch ein gutes Abendessen und dann ging es gleich wieder los in Richtung Kirche. Jetzt wurde es ernst. Tja, eine Bratsche fehlte, wo ist sie nur? Endlich, kurz vor Beginn des Konzerts, tauchte die Musikerin wieder auf und wir alle atmeten durch, denn wir wussten ja nicht, was mit ihr in der Zwischenzeit passierte. Elegant gekleidet, Dirigent Bernd Lechla im neuen Frack, betraten das Ensemble sowie die Solisten das Kirchenschiff. Klasse, das Haus war ausverkauft, nun konnte es losgehen.

Die Schöpfung in St. Katharina

Die ersten Töne erklangen und das Publikum verfolgte begeistert unsere Darbietung. Da wir in deutscher Sprache sangen, wurde eigens eine Broschüre erstellt, welche auch die polnische Übersetzung beinhaltete. Wir ernteten sehr viel Beifall für die gelungene Aufführung und keinen der vielen Zuhörer hielt es am Ende auf seinem Platz, sie dankten mit Standing Ovations. Unserer ausgezeichneten Sopranistin Margaretha Bessel wurden sogar Kusshändchen zugeworfen und Dirigent und Chorleiter Bernd Lechla schaute schon ein wenig stolz in die Runde und genoss sichtlich seinen Erfolg und den Dank des Publikums. Jetzt wurde erst einmal ausgiebig gefeiert und die Nacht wurde für den einen oder anderen sehr sehr kurz.

Die Schöpfung in St. Katharina

Am nächsten Morgen hieß es wieder Koffer schleppen, denn wir traten die lange Heimreise an. Pünktlich um 08:00h fuhren die Busse ab. Wie das so ist, die Hälfte der Mitreisenden schlief und holte erst einmal die versäumte Nachtruhe auf. Doch im Bus 3 wurden diese plötzlich unsanft aufgeweckt und erschraken alle heftig. Jochen Sack, der anstelle des Busfahrers die Ausgabe der Kaltgetränke übernahm, hatte doch beim Zurücklegen der Geldbörse Autoalarm ausgelöst! Jetzt verteilten Jochen und ich erst einmal Gummibärchen, um die Gemüter wieder zu beruhigen. Als Busbegleiterin verwöhne ich gerne die Mitreisenden in „meinem“ Bus, denn es gibt auf Reisen immer wieder mal Geldsammlungen für die unterschiedlichsten Zwecke und auf diese Art und Weise werden die Geldspenden versüßt, aber nicht nur deshalb.

Auch eine schöne Reise geht einmal zu Ende. Wohlbehalten sind wir spät abends, es war Donnerstag, so gegen 23:30h, wieder in Frankfurt am Main angekommen. Da die Rückfahrt von Krakau nach Frankfurt den gleichen Verlauf nahm, gibt es nichts Weiteres zu berichten, außer, dass wir in Breslau zu Mittag gegessen haben, eine Kaffeepause bei Dresden einlegten und wegen der maximalen Lenkzeiten für Busfahrer ab Eisenach ein frisches Fahrerteam die Busse übernahm.

Doch halt, noch konnten wir die Noten für „Die Schöpfung“ nicht einmotten. Ein letzter Auftritt stand nach nur einem Tag Pause am 18. August 2007 bevor, der uns in die heiligen Hallen der Stiftsruine Bad Hersfeld führte. Toll, dass wir eine Einladung erhielten, dort zu konzertieren. Die Bühne ist gigantisch, man kann sich darauf fast verlaufen, allerdings steht und läuft man auch schräg, was bei einem 2-stündigen Konzert, bei dem der Chor die ganze Zeit stehen muss, nicht sehr angenehm ist. Man glaubt, keine Zehen bzw. Füße mehr zu haben. Aber wir hielten wacker durch und das Wetter spielte auch mit, sodass wir uns ganz auf die Aufführung konzentrieren konnten. Noch einmal brillierten die Solisten, allerdings leider auch gestört durch Hubschrauberlärm, aber das kommt bei Open-Air-Konzerten schon mal vor. Schön, dass die Tonaufnahme für eine CD längst schon „im Kasten“ war. Wolfgang Tews, unser Tonmeister, bereitet wieder eine Auflage vor. Als Margaretha Bessel von den gurrenden Tauben sang, schienen diese das gehört zu haben und flogen in diesem Moment gurrend über die Bühne. Ein beeindruckendes Erlebnis.

Ich glaube, in Bad Hersfeld haben wir uns noch einmal gesteigert. Eigentlich auch kein Wunder bei den vielen Aufführungen. Vor großem Publikum bekamen wir wieder riesigen Applaus, der sehr lange anhielt. Bernd Lechla ließ sich den Champagner schon auf der Heimfahrt im Bus schmecken und mit wehendem Frack schritt er stolz daher, durchaus verdient, denn er brachte eine super Leistung. Wieder in Frankfurt angekommen feierten alle Mitwirkenden noch am gleichen Tag den gemeinsamen Erfolg.

Doch viel Zeit zum Verschnaufen gibt es nicht, denn im Oktober 2008 steht der nächste große Auftritt bevor, der uns u. a. nach Berlin führt. In der berühmten Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche wird die Ginnheimer Kantorei auf großer Bühne Bachs „h-moll-Messe“ erklingen lassen.

Ursula Sack

Fotos: Hubert Gloss



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